Erklärung zu unserer Unterschrift zum offenen Brief – “Neofolk Night” im Felsenkeller

Nachdem der Felsenkeller wegen der Ausrichtung und Bewerbung der „Neofolk Night“ sowie unterschiedlichen Bezügen beteiligter Künstler*innen ins rechte Spektrum öffentlich kritisiert worden war, äußerte sich Geschäftsführer Jörg Folta Anfang April in einem Interview mit der LVZ (1) zu den Vorwürfen sowie zu Schmierereien an den Außenwänden des Felsenkellers im Zusammenhang mit dieser und weiteren Veranstaltungen.

Auf die Frage der LVZ nach möglichen Konsequenzen erklärte er, dass es im ersten Fall unterschiedliche Sichtweisen auf die “Neofolk Night” gegeben habe, die insbesondere durch aktivistische und mediale Kontexte zugespitzt worden seien. In einem offenen und transparenten Austausch mit den beteiligten Akteuren habe man viele Punkte klären können; dabei habe sich der Großteil der erhobenen Vorwürfe als nicht haltbar erwiesen, so Folta im Interview.

Vorweg möchten wir betonen, dass wir die Sachbeschädigungen am Felsenkeller ablehnen. Zudem widersprechen wir den Aussagen von Jörg Folta im LVZ-Interview. Wir beteiligten uns vor und nach dem Konzert im Januar an den im Interview erwähnten Gesprächen mit dem Felsenkeller zum kritisierten Neofolk-Konzert.

Zum Hintergrund: Als INTERIM und linXXnet hatten wir den offenen Brief von “Leipzig gegen Rechts” unterschrieben (2), weil wir die dort geäußerte Besorgnis zum Neofolk-Konzert im Felsenkeller geteilt haben und nach eigener Überprüfung der Kritiken zur selben Bewertung gekommen sind, wie die Verfasser*innen des offenen Briefes. Ein Austausch mit dem Felsenkeller darüber erschien uns als sinnvoll, auch um zu verstehen wieso solch ein Konzert geplant war.

Wir würden Jörg Folta gleich in mehreren Punkten zu seiner Aussage in der LVZ widersprechen. Zum einen konnte aus unserer Perspektive die überwiegende Kritik an den Bands nicht widerlegt werden, oft wurde auf diese in den Gesprächen auch gar nicht erst eingegangen. Daher haben wir unsere Unterschrift unter den offenen Brief auch nicht zurück genommen. Dies hat nach unseren Informationen auch keine/r der anderen Unterzeichner*innen getan. Unserer Ansicht nach widersprechen die im Felsenkeller auftretenden Bands, die bekennende Nationalsozialisten und Antisemiten für ihre Lieder verwenden dem angeführten Engagement des Felsenkellers gegen Antisemitismus und Rassismus.

Bei der Band “Darkwood” aus Dresden, dem Mainact des Abends, sind wir noch auf weitere Kritikpunkte gestoßen, die nicht Teil des offenen Briefes waren, die wir aber im Gespräch mit dem Felsenkeller angesprochen haben. Diese möchten wir nun transparent machen.

Die Band “Darkwood” verweist auf ihrer eigenen Webseite zu ihren drei veröffentlichten Alben auf Texte von Dritten, die sie in ihren Liedern verwendet. Für das Lied “Niebelungen” wird Adolf Bartels (3) genannt:

Im Jahr 1924 veröffentlichte dieser die mehrfach aufgelegte Broschüre “Der Nationalsozialismus Deutschlands Rettung”. Die NSDAP-Ortsgruppe Weimar ernannte Bartels 1925 zu ihrem Ehrenmitglied. Nach der Machtübertagung 1933 erhielt Bartels als „völkischer Vorkämpfer“ zahlreiche Ehrungen (Ehrensold, Ehrenbürgerverleihungen, Partei-Auszeichnungen). Zu seinen Verehrern zählten Reichspropagandaminister Joseph Goebbels, Reichsdramaturg Rainer Schlösser und Reichsjugendführer Baldur von Schirach. Er “katalogisierte” Tausende Schriftsteller*innen in “Juden” und “nicht Juden”, kurzum, er war bekennender Antisemit und wurde von den Nationalsozialisten gefeiert und geehrt:

  • 1937 Adlerschild des Deutschen Reiches, Ehrenbürger der Stadt Weimar, Ehrenmitglied der Goethe-Gesellschaft, Ehrenmitglied des Deutschen Schillerbundes
  • 1938 Ehrendoktor der Universität Leipzig
  • 1942 Goldenes Parteiabzeichen der NSDAP
  • 1942 Goldenes Ehrenzeichen der Hitler-Jugend
  • 1942 Silberner Gauadler des Gaues Thüringen
  • 1942 Ehrenbürger der Universität Jena

Drei Lieder der Band “Darkwood“ enthalten Texte von Hans Gstettner, einem linientreuen Nationalsozialisten, der unter anderem als Schriftsteller und Journalist tätig war und als kulturpolitischer Schriftleiter des „Völkischen Beobachters“, der Parteizeitung der NSDAP, fungierte.

Ein weiteres Lied stammt von Christian Ram, dessen Texte bei Gerhard Pallmann erschienen(4). Pallmann veröffentlichte widerum zahlreiche Kriegs- und Liederbücher für Soldaten der Wehrmacht und Nationalsozialisten, teilweise mit dem Untertitel „Der Führer hat gerufen“.

Das Stück „Deutsche Sonnenwend“ von “Darkwood” basiert auf einem Text von Gerhard Schumann (5), einem als „HJ-Barden“ bekannten Schriftsteller und NS-Propagandisten. Schumann trat 1930 in die NSDAP ein und erreichte 1945 den Rang eines SS-Obersturmführers. 1936 wurde ihm in Anwesenheit Hitlers der vom Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda gestiftete Nationale Buchpreis verliehen. 1935 berief Joseph Goebbels ihn in den Reichskultursenat. Ab 1938/39 leitete Schumann die Gruppe Schriftsteller der Reichsschrifttumskammer. Nach 1945 wurde er weiter in der Neonaziszene geehrt. 1962 begründete Schumann den extrem rechen „Hohenstaufen Verlag“. Schumann betätigte sich im “Deutschen Kulturwerk Europäischen Geistes” (6), einer Dachorganisation rechtsnationaler und extrem rechter Gruppierungen. Das Lied “Deutsche Sonnenwend” wurde auch von der Jugendorganisation der NPD, der JN, für eine “Sonnenwendfeier” in der Region Bautzen/Dresden verwendet.

Wir können weiterhin nicht nachvollziehen, wie es zu solchen Veranstaltungen im Felsenkeller kommen kann und auf welcher Grundlage die Kritik an diesen vom Geschäftsführer Jörg Folta als „nicht haltbar“ bewertet wird. Aus unserer Sicht bleiben zentrale Fragen zur Verantwortung des Veranstaltungsortes zu diesem Konzert bislang unbeantwortet.

linXXnet und INTERIM


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