Vom Nutzwert der Erneuerung in einer Welt des Wandels: Ein Text zum 10. Geburtstag des linXXnet

Ilja M. im März 2010

Fast wäre es am Ende des vergangen Jahres geschlossen worden. Irgendwie wussten aber auch alle: die Partei kann es sich eigentlich nicht leisten. Zu wichtig ist das projektorientierte politische Büro im Leipziger Süden geworden.

Die Welt am Ende des ersten Jahrzehnts…
des 21. Jahrhunderts ist so ganz anders als noch vor 20 Jahren! Hinter diesem banalen Spruch verstecken sich eine technologische Revolution, komplexe politische Umbrüche, ein tiefgreifender sozialer und ökonomischer Strukturwandel der Weltgesellschaft. In fast allen Teilen Europas führt dieser Wandel zum Beispiel zum Rückgang der industriellen Arbeiterklasse, die allerdings zusammen mit Angestellten noch immer eine wichtige und im Kontext der Weltgesellschaft privilegierte soziale Gruppe bildet. Mit Unterstützung der neoliberalen Gesellschaftsingenieure, vielmehr aber der Logik neuer Produktionsweisen folgend entstehen neue Gruppen von Ausgebeuteten, Arme und weniger Arme, Hochge- oder weitgehend Ungebildete, hoffnungslos sozial Extegrierte oder aktiv nach Alternativen Suchende.

Aber reden wir nicht eigentlich über das linXXnet?

Evident ist, dass das oben Ausgeführte eine Herausforderung für die europäische und globale Linke sein könnte und genau jener abverlangt neue politische Ansätze zu entwickeln.
Gestehen wir es uns andererseits ein: Man kann Herausforderungen auch „aussitzen“. So mancher träumt von einer gemütlichen unzerstrittenen Linken, die als Rentnerpartei ihren guten Job macht, den Armen liebevoll, aber auch mit einem zum arbeitsamen Fleiß mahnenden Zeigefinger unter die Arme greift, mit den Klassenbrüdern am Gewerschaftsfunktionärs-Stammtisch auf Du und Du und zu Ausländern (wer immer das sein soll) nett ist. Das wäre doch eine gute und moralisch einwandfreie Perspektive zum Altwerden mit der gediegenen Parlamentsrente. Und mal ganz ernst: Dies ist eine vorstellbare realistische Idee für die Zukunft der Partei.

Aber was hat das mit dem linXXnet zu tun?

Dummerweise verschaffen sich neue Ideen und Praxen überall Zutritt. Sie kommen mit neuen Menschen, die scheinbar entgegen jeder Logik und Vernunft einfach neue Sachen ausprobieren und sich stur nicht reinreden lassen. Sie breiten sich aus, stecken andere an: Eine Epidemie sozusagen.
Das macht manchmal ganz schön Angst und riecht sogar nach Verschwörung. Das ruft Menschen auf den Plan, die die Partei schützen wollen vor den imageschädigenden Taten und Gedanken. Das gibt erst mal böses Blut!
Aber irgendwann, nach vielen Jahren verändert sich einiges. Noch ist es schwer zu akzeptieren, dass das, was da gemacht wurde, wichtig oder vielleicht sogar richtig oder schlimmer noch richtungsweisend war. Die drohende Faust ruht sich erst mal in der Hosentasche aus. Aber eigentlich hat man sich zähneknirschend abgefunden mit dem Anderen, dass nun irgendwie dazugehört.

Und nun sind wir beim linXXnet angekommen.

Fast wäre es am Ende des vergangen Jahres geschlossen worden. Irgendwie wussten aber auch alle: die Partei kann es sich eigentlich nicht leisten. Zu wichtig ist das projektorientierte politische Büro im Leipziger Süden geworden, zu messbar die Wahlerfolge im Umfeld, zu offensichtlich die zentrale Bedeutung für die antifaschistischen Aktivitäten in der Region, zu viele internationale Kontakte, die abreißen würden, zu anerkannt die außerparlamentarischen NetzwerkerInnen wie Juliane Nagel, zu etabliert in der Region und in der Fachpolitik die linXXnet-Vereinsvorsitzende Heike Werner.
Ganz zu schweigen, von den lange Zeit eng mit dem linXXnet verbundenen LeistungsträgerInnen der Landespartei wie Sebastian Scheel und Stefanie Götze.
Ganz zu schweigen von den „linXXnet-Veteranen“ und Vordenkern, wie Stefan Hartmann, Marko Forberger, Fabian Blunck, Gregor Henker, Markus Heide, Holger Weidauer, die heute verantwortungsvolle Aufgaben in der Partei wahrnehmen. Ganz zu schweigen von den zahlreichen noch jungen und noch jüngeren linXXnet-Menschen wie Christin Löchner, Marco Böhme oder Tilman Loos, die heute wichtige Fachexperten in unserer Landespartei sind…
Und bei so viel Namedropping dürfen die Namen von Daniel Knorr, Mandy Gehrt und Boris Krumnow nicht fehlen, die sich für die Entwicklung und Erhalt des linXXnet engagiert.

Und was hat das mit der sich wandelnden Welt im 21. Jahrhundert zu tun?
Eine ganze Menge! Mit Taten und Ideen, mit einem pluralen Verständnis der Linken und DER LINKEN, inspiriert von Gramsci, Bourdieu, Agnoli, den wertkritischen MarxistInnen und linken PoststrukturalistInnen, wirken die linXXneterInnen von heute an nichts weniger als an einer Erneuerung der linken Praxis mit. Sie stehen dabei „parteiintern“ auch für die neuen sozialen Gruppen und Bewegungen: Ziel beleibt der Wandel zu Selbstbestimmung und ökologischen Sozialismus! Eine Sisyphus-Arbeit!
Herzlichen Glückwunsch linXXnet!

P.S.
Mensch könnte meinen, die Änderer und Ermöglicher sind immer die Guten und die Bremser und Bewahrer immer die Bösen. Aber nein! Sie gehören zusammen. Ihr Unwohlsein miteinander lässt uns den vor uns liegenden gemeinsamen Weg Schritt für Schritt gehen…